Thomas Ruth - Halb gilt nicht, wenn dann richtig.

Geschrieben von tempelhofer. Veröffentlicht in Interviews

Es ist mal wieder so weit und wir können euch ein neues Interview mit einem bekannten Freewaredesigner präsentieren. Diesmal ist es kein geringer als Thomas Ruth, der sich bereit erklärte uns Frage und Antwort zu stehen. An diese Stelle schon einmal herzlichen Dank. Vielen, gerade den Simmern, welche noch nicht so lange beim FSX dabei sind, dürfte Thomas Ruth vor allem durch seine Umsetzung des Airports Düsseldorf bekannt sein. Den älteren Simmern unter uns ist er ein Begriff für Paints und eine DC-10 Umsetzung.

1. Wer ist Thomas Ruth? 

Puuuh, was darf ich preisgeben und was nicht. NSA hört ja bekannterweise mit....
Also, geboren bin ich 1966 in Duisburg und wohne immer noch da. Die Stadt ist übrigens besser als ihr Ruf, aber ich schweife ab... Nach dem wohl damals üblichen Weg über Abi, Bund und Studium bin ich in der Musikbranche gelandet, wo ich heute noch arbeite. Als Hobby bezeichne ich bei mir so ziemlich alles, was mit Technik zu tun hat, besonders aber das 3D Modelling und die Fliegerei. Ich erstelle übrigens nicht nur Modelle für FS, sondern auch für Orbiter und, speziell Schiffe, für den Vehicle Simulator. Orbiter Fans dürften zum Beispiel meine Open Source Saturn 5 für NASSP und AMSO gut kennen. Allerdings findet nicht unbedingt alles, was ich erstelle, den Weg in die Öffentlichkeit wie zum Beispiel meine Schiffe für den VS.

Nebenbei bin ich auch noch im Besitz einer Amateurfunklizenz und fahre, wenn es denn das Wetter zulässt, Motorradtouren. Da soll es zum Beispiel 2015 endlich zu einem meiner Traumziele, dem Nordkap, gehen...

2. Wie kommt man auf die Idee ein Add-on Designer zu werden?

Eigentlich wird man Add-on Designer, wenn man unbedingt Add-ons haben möchte, die es entweder nicht gibt, oder man sie sich nicht leisten kann. Sobald man sein erstes Add-on selbst erstellt hat, ist man mit dem Virus infiziert und kommt nicht mehr los. Im Gegenteil, man muss die Dosierung immer weiter steigern.

Meine erste Szenerie (EDDL) ist ja aus dem gleichen Grund entstanden. Eine gewisse, deutsche Add-on-Schmiede aus dem Paywaresektor, hat jahrelang EDDL für den FSX angekündigt, aber immer wieder verschoben. Irgendwann ist mir halt der Kragen geplatzt, besonders weil es sich um meinen Heimatairport handelt.

Aber wirklich angefangen hat es bei mir zu FS98 Zeiten mit der Antonov AN225. Die wollte ich unbedingt haben, fand sich aber nicht in guter Qualität. Hab mir damals dann "FS Design Studio" und "Aircraft Animator" bestellt und einfach mal losgelegt. Zugegeben, das 3D Modelling war damals noch ziemlich überschaubar, aber dafür waren andere Dinge schwierig umzusetzen, die heute nur ein oder zwei Mausklicks erfordern.

3. Wie muss man sich das vorstellen ein Projekt, wie beispielsweise die Messerschmitt ME-264, zu beginnen und dann daran zu arbeiten?

Zuerst braucht man genug technische Unterlagen. Ohne die geht nichts. Ganz wichtig sind gute Zeichnungen und am besten Kopien der Originalpläne wie zum Beispiel bei der Boeing 727. Bei den Airbus Modellen gab es mal eine Zeit lang die sogenannten MFP manuals (Maintenance Facility Planing) auf der Airbus Seite zum Download. Darin enthalten war ein komplettes Set an Spantenrissen. So was ist natürlich pures Designergold. Auch Fotos sind wichtig. Bei fast allen Fliegern gibt es ja genug aus dem Netz, bei älteren auch, weil es zum Beispiel in Museen noch genug Exponate hat. Bei der 264 war es etwas schwieriger (der einzige komplette Prototyp wurde 1944 zerstört) und entsprechende Infos waren leider nicht mehr umsonst zu bekommen. Aber wenn man dann mit den Forschungen durch ist, kann es endlich mit dem eigentlichen Bau losgehen. Es beginnt eigentlich gleichzeitig mit dem 3D Modell und der Flugdynamik. Man bastelt ein paar Stunden und fliegt dann im Simulator von A nach B, um erstens die Ergebnisse zu prüfen und um zweitens nicht ganz das Fliegen zwischendurch zu verlernen. So geht das dann über viele Monate, bis man mit sich und dem Ergebnis zufrieden ist.

4. Woher bekommst Du die benötigten Informationen, wie Pläne oder etwaige Besonderheiten?

Wie schon gesagt, bei modernen Jetlinern gibt es fast alles Wichtige im Netz.War früher im Vor-Internet-Google-Wikipedia-Zeitalter übrigens eine echte Herausforderung. Ohne Kontakte zu echten Airlines war kaum was zu machen. Grundlegende Zeichnungen, Fotos oder ein paar Infos gab es in der Bücherei, aber so Sachen wie Reifendurchmesser, maximaler Lenkeinschlag, sogenannter "Control Surface Travel",... etc. gab es eben nur aus Quellen direkt aus dem Wartungshangar. Bei älteren Flugzeugen muss man auch heute noch auf existierende Archive (z.B. Bundesarchiv) oder kommerzielle Printliteratur zurückgreifen. Wichtig ist nur, das man sich zuerst mit dem Flieger beschäftigt und danach erst mit dem 3D Modell beginnt. Nichts ist ärgerlicher als wochenlange Arbeit umsonst gemacht zu haben, weil man später feststellt, dass das Fahrwerk zum Beispiel anders funktioniert als man zuerst erwartet hat.

5. Wie viel Zeit muss man pro Tag für die Umsetzung eines Fliegers aufbringen?

Oh, das ist recht unterschiedlich. Je nach Lust und Laune würde ich sagen, denn wenn man es übertreibt, verliert man schnell die Lust und das Projekt wird niemals fertig und wer zu ungeduldig ist, ist schnell wieder raus aus dem Projekt. Ich selber investiere so zwischen einer und zwei Stunden im Schnitt. In der Woche oft weniger, am Wochenende dafür etwas mehr. Allerdings werden die Sims immer komplexer und es sollte heutzutage niemand mehr davon ausgehen, ein komplettes Flugzeug in weniger als einem Jahr auf die Räder stellen zu können. Ich wage sogar die Behauptung, das wirklich komplexe Flieger wie ein A320 oder eine 737NG mit 100% Systemtiefe für ein Freewareprojekt heutzutage schon unmöglich zu realisieren sind. Zu FS2000 Zeiten war man ja schon über ein rudimentäres Overhead glücklich, heute muss ja sogar der Ditching Pushbutton voll funktionsfähig sein. Aber das sollte auch nicht Sinn und Zweck von Freeware sein, sondern vielmehr der Spaß an der Entwicklung und der Lernprozess dabei.

6. Wo siehst Du deine Stärken und Schwächen in der Add-on Erstellung bzw. beim Painten?

Systemtiefe gehört zu meinen Schwächen, ganz klar. Daran arbeite ich gerade... Aber dazu später mehr. Meine Stärke liegt darin, dass ich sehr schnell lerne. MAX, PSP, GIMP und alles andere hab ich mir ausschließlich selbst beigebracht und auch Flugdynamiken, XML Programmierung, Sounderstellung und alles andere war keine Schwierigkeit für mich. Auch bin ich eher ein Allrounder als ein Spezialist, will sagen, dass ich mich in keiner Einzeldisziplin zu den besten zähle, dafür aber alles um den Flusi herum soweit beherrsche, um eigene Add-ons auf die Beine stellen zu können.

7. Welche Projekte, die für eine Person zu viel wären, würdest Du gerne einmal angehen?

Einen Full-Motion-Simulator bauen.

8. Ist es Dir auch schonmal passiert, dass du ein Projekt aufgegeben hast?

Ja, mehrere sogar. Oft passiert es, das ich ein Projekt beginne, die anfängliche Begeisterung aber schnell verliere und dann etwas völlig anderes anfange. Kleine Liste der gescheiterten Flieger gefällig? AN124/AN225 V2.0 für FS9 TU144 Prototyp für FS9 TU144 für FSX 737 für FSX A380 für FSX (Da war PA schneller) MD11 für FSX HMS Implacable für FSX (ist dann in den Vehicle Simulator gewandert). Die Liste ist allerdings nicht vollständig da momentan zwei Update Projekte mangels Interesse kurz vor der Einstellung stehen......

9. Kannst Du was zum aktuellen Stand im "Projekt-Airbus" verraten und wie weit Du in die aktuellen Projekte involviert bist?

Da kann ich leider nichts zu sagen. Ich hatte mal deren Projekte für FSX konvertiert, weil die Jungs niemanden hatten, der sich mit FSX auskannte. Involviert in die Gruppe bin ich aber seit vielen Jahren schon nicht mehr. Gerüchteweise werkeln sie am A 330/340, aber inwieweit das Projekt fertig ist, weiß ich selber nicht.

10. Was werden Deine nächsten Projekte werden?

Meine nächsten Projekte sind noch nicht beschlossen. Momentan baue ich mir mein eigenes A 340 Homecockpit und versuche mich momentan in die C-Programmierung einzuarbeiten, um dem Teil die nötige Systemtiefe geben zu können. Das Teil nimmt auch nicht nur eine beträchtliche Fläche in meinem Wohnzimmer ein, sondern ebenfalls einen Großteil meiner Freizeit. Für die nächsten Monate wird es also erst einmal keine Modelle von mir geben.. Sorry...

11. Seit wann betreibst Du die Flugsimulation?

Eigentlich seit Commodore Amiga Zeiten. Da gab es mal den FS2(?) auf zwei oder drei Disketten. An Szenerie Chicago und LA. Grafik Bestand aus grünen und blauen Flächen, verziert mit weißen Linien. Spaß gemacht hat es aber trotzdem. Ich und meine Kumpels haben damals ziemlichen Blödsinn mit dem FS2 gemacht. Unter anderem bestand die Mission daraus, mit dem Lear auf Alcatraz zu landen, um AL Capone aus dem Knast zu befreien. Oder als es später dann New York Add-on als Add-on gab..... Kennt jemand noch den Film "Die Klapperschlange" mit Kurt Russel in der Hauptrolle? Was haben wir alles versucht, um auf dem Dach des WTC zu landen wie im Film...

12. Was fesselt Dich an der Flugsimulation?

Die Technik, ganz klar. Im Gegensatz zum reinen Computerspiel, das ja auf ein spezielles Spielziel beschränkt ist, liefert die Flugsimulation ja nur die Anfangsbasis für alles, was danach kommt. Das ist ja nicht nur die Add-on-Szene, sondern auch die "Virtuellen Airlines", die Homecockpitbauer und nicht zu vergessen, die ganze Welt der Onlinefliegerei.

13. Wie denkst Du geht es mit dem FSX weiter?

Naja, irgendwann kommt was Neues und er wird wie alle seine Vorgänger den Weg ins Datennirvana finden. Vielleicht passiert das ja gerade schon seitens P3D, aber das muss man einfach abwarten. Momentan sollten wir den Umstand genießen, dass wir seit Jahren eine brauchbare Plattform haben und nicht alle zwölf Monate alles wieder in die Tonne kloppen müssen. Auch sehe ich seit einiger Zeit auch das es für den FSX richtig viele Szenerie Add-ons, aus dem Freeware Bereich gibt. Ein neuer Sim zum jetzigen Zeitpunkt würde das noch junge Pflänzchen sofort wieder abwürgen. Haben wir ja bei der Umstellung von FS9 zu FSX schmerzlich miterleben müssen, als die ganzen alten Freewareschmieden die Triebwerke endgültig abstellten. Jedenfalls genieße ich den FSX noch eine ganze Weile, denke ich. Vielleicht geh ich bei Zeiten zum P3D, aber das ist jetzt noch nicht raus ...

14. Wie wichtig ist Dir Anerkennung und der Kontakt zu deinen Fans?

Ich genieße die Anerkennung aus der Szene, das dürfte wohl auf jeden zutreffen, der seine Arbeiten öffentlich präsentiert. Und kurz nach Veröffentlichung eines neuen Modelles bekomme ich auch jede Menge Mails von Leuten, die sich für die Arbeit bedanken. Allerdings hab ich außer Email so gut, wie keinen Kontakt zu Leuten die meine Add-ons benutzen. Das liegt aber hauptsächlich daran, das ich weder eigene Homepage noch Facebook Seite habe. Vor Jahren musste ich beinahe teures Lehrgeld zahlen für einen Fehler im Impressum, aber das ist eine andere Story....Seitdem bin ich da etwas verschlossener geworden, was sich auch auf die Präsenz in Foren niederschlägt.

15. Wie reagieren deine Freunde und Familie auf deine "Arbeit" ?

Eigentlich recht gleichgültig bis jetzt. Da gibt es sonst niemanden, der auch nur im Entferntesten etwas mit Flugsimulation zu tun hat. Allerdings seitdem im meinem Wohnzimmer ein Nachbau eines kompletten Airbus A 340 Cockpits samt Außenhülle, immerhin 3x3x2 Meter groß, steht, werde ich doch von dem einen oder anderen für leicht verrückt erklärt. Egal. Meine Devise lautet: Halb wahnsinnig geht nicht. Wenn man durchknallt dann wenigstens total.

Wir danken Thomas Ruth für dieses Interview.  Das Interview führten Semirben und Jan-Ph. Heinisch (tempelhofer) für den FS-Kurier.